Aurich – Der Sachverhalt hat sich nach der (damaligen) Recherche des heutigen Betreibers von RechercheMitWirkung wie folgt dargestellt. Eine steckbriefartige Kurzzusammenfassung:
Das Problem
Der 86-jährige Peter Lindau aus Aurich stürzte am 9. Januar 2024 mit dem Fahrrad. Der Rettungsdienst brachte ihn abends in die örtliche Ubbo-Emmius-Klinik. Die Übergabe endete um 19.42 Uhr. Dort wurde er in einen Schockraum gebracht.
In den folgenden Stunden kümmerte sich nach Schilderung des Seniors kaum jemand um ihn – auch nicht, als er zur Toilette musste. Um 22.02 Uhr bat er seinen Schwiegersohn, ihn abzuholen. Geröntgt wurde er in den knapp drei Stunden nicht.
Am nächsten Tag stellte ein Auricher Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie eine eingestauchte mediale Schenkelhalsfraktur fest. Die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie sehen vor: „Die Diagnostik sollte möglichst innerhalb einer Stunde nach Aufnahme abgeschlossen sein.“
Vergebliche Lösungsversuche
Vier- bis fünfmal drückte Lindau nach eigener Schilderung die Nottaste, mit der Klinikpersonal gerufen werden kann. En rotes Lämpchen habe aufgeleuchtet. „Aber es kam keiner.“
Er rief durch den Türspalt um Hilfe, bis eine Mitarbeiterin vom Empfangstresen ihn hörte und ihm eine Urinflasche brachte. Als er einem Pfleger gegenüber die fehlende Beaufsichtigung beanstandete, soll im vorgehalten worden sein, dass nebenan jemand mit dem Tod kämpfe. Lindau verließ die Notaufnahme und ließ sich im Klinikum Leer operieren.
Recherche mit Wirkung
Der heutige Betreiber von RechercheMitWirkung, der den Fall damals für die Ostfriesen-Zeitung recherchierte, richtete am 29. Januar 2024 um 13.20 Uhr eine Presseanfrage an die Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden mbH – mit einer von Peter Lindau unterschriebenen Auskunfts-Vollmacht. Gefragt wurde unter anderem, zu welchen Zeitpunkten der Patient untersucht und behandelt wurde. Und ob es zutrifft, dass er per Nottaste und durch Rufen vergeblich Personal herbeizuholen versuchte. Und ob der Ablauf idealtypisch gewesen sei.
Bereits am 30. Januar zwischen 12 und 12.30 Uhr rief der Ärztliche Direktor der Ubbo-Emmius-Klinik bei Peter Lindau an und entschuldigte sich, nach Darstellung des Betroffenen, „für die bedauerlichen Ereignisse“. Er habe angekündigt, den Vorgang mit seinen Leuten zu besprechen.
Eine inhaltliche Presseauskunft erteilte der Klinikverbund jedoch nicht. Er verlangte stattdessen eine Ausweiskopie des Patienten und antwortete danach nicht mehr.
Damit hat der Klinikverbund nicht dementiert, dass kein Personal kam, als Lindau per Nottaste und durch Rufen auf seine Notlage aufmerksam machen wollte. Beheben ließ sich dieser Missstand nachträglich nicht – Lindau bekam die Entschuldigung des Ärztlichen Direktors.
Die Berichterstattung
Diese Recherche wurde am 4. Februar 2024 in der Ostfriesen-Zeitung unter der Überschrift „86-Jähriger lag stundenlang mit Knochenbruch in Notaufnahme rum“ veröffentlicht.